Angst als Motor für Herz-Kreislauf-Beschwerden

Im Rückblick wundert man sich über die kleinen unauffälligen Bausteine, die dazu führen können, dass man mit kurzzeitiger Bewusstlosigkeit, schwachen Kreislauf, Schüttelfrost und Ziehen im linken Brustbereich dann doch die Rettung ruft, und sich auf die Notfallambulanz ins Spital bringen lässt. Betrachtet man die Ingredienzien einzeln, so lässt einem keine davon Hochschrecken. Hängt man am Tropf, am EKG und sieht zuletzt seine Herzklappen am Echographie-Bildschirm pumpen, wird einem doch anders. Ein Grossteil der Angst, die sich auch in zusätzlichen Beschwerden niederschlägt, ist jedoch ein reines Hirngespinst. Am Ende gibt es die die vermeintlich nichtssagende Diagnose „autonome Dysfunktion“ und die Bestätigung, dass es gut ist, dass man doch vorbeigekommen ist weil „schon manche hier genau so ankamen und bereits irreversible Herzschäden hatten“. Blöd kommt man(n) sich trotzdem vor.

Ursprünglich befand sich in diesem Blog ein chronologischer Ablauf der Beschwerden, Arztbesuche, genommenen Medikamente und persönlichen „Zwischendiagnosen“. Jedoch nach nun fast vier Wochen Spiessrutenlauf kann ich eingermassen sicher Grundvoraussetzungen, Ursachen und Konsequenzen auseinanderhalten. Einschneidende Symptome waren: Ohnmacht, Herzstechen, Beklemmung und Schweissausbrüche.

Grundvoraussetzungen der „Herzbeschwerden“

Die hier genannte Ausgangslage ist spezifisch und kann anders aussehen. Einschneidend sind aber eine Grundsensibilität und eine suboptimale gesundheitliche Verfassung.

Sensibilität und Angst

„Sensibel“ heisst nicht psychisch schwach in jeder Hinsicht, es zählt im wesentlichen das Bild des erfolgreichen Geschäftsmanns und/oder Politikers, der nach Hause kommt um im Schoss seiner Frau zu heulen. Nicht aus Erschöpfung sondern wegen Unterdrückung nicht bewältigter Ängste. Jeder Mensch hat irgendwelche Ängste, wir sind evolutionär betrachtet Fluchttiere. Und auch angrifslustige Tiere kennen Angst, wenn sie in die Enge getrieben werden. Diese Angst kann man nicht „wegtrainieren“, man kann sie auch nicht dauerhaft „bewältigen“, man muss im Wesentlichen mit ihr leben lernen.

Der übliche Umgang mit Ängsten ist aber leider das Unterdrücken. Das mag bei kleinen Phobien wie Furcht vor Spinnen klappen und höchstens ein paar unschöne Träume verursachen. Bei fundamentalen Existenzängsten oder Ängsten vor Entwicklungen die einem betreffen, die man aber nicht beeinflussen kann, führt unterdrücken nur zum Aufstauen. Diese „Angstsammler“ gehen nicht zwingendermassen geknickt durch das Leben, die meisten Rabauken und fast alle Rechtsextremen zählen dazu, sie wandeln die Angst in Aggressionen um.

Man kann allerdings auch Angst bei anderen Personen abladen. Das macht der Geschäftsmann im Schoss seiner Frau, das kann aber auch nur das abendliche Berichten das Tagesablaufs unter Partnern sein. Das ist grundsätzlich der gute Therapieansatz gegen Ängste, man muss aber bedenken, dass man ein böses Bündel an jemand anderen weitergibt. Im Idealfall geht diese andere Person mit den spezifischen Ängsten anderes um, jeder hat ja andere „Angstareale“. Jedoch bei Ängsten, die beide gleichermassen betreffen (ums eigene Kind, um die mittelfristige Finanzlage das Haushalts) kann das zum Ping-Pong-Spiel werden, man reicht sich das Bündel nur hin- und her.

Zum Abladen zählt auch das willentliche übernehmen der Ängste von anderen. Trügerisch ist hier die Rationalität. Person A hat Angst vor Thema X und Person B erklärt Person A, dass Thema X sachlich betrachtet nicht beeinflussbar ist, dass man nur abwarten könne um frühestens dann, wie auch immer, zu reagieren. Das Abladen stösst sich hier an zwei Probleme: erstens ist Angst nicht rational ausradierbar und zweitens ist ein Vertagen des ungewissen Ausgangs nur noch stärkerer Nährboden um Ängste weiter aufzubauen. Es ist letztendlich unerheblich ob und wie die Angst auf Person A und/oder B verteilt ist.

Ein wichtiger Schritt ist das Erkennen der eigenen Ängste. Das ist im akuten Fall, aufgrund von gesellschaftlichen Zwängen und Usancen, oft gar nicht so einfach. Sich über seinen Chef oder sein Kind zu ärgern kann auch schon Angst sein. Genauso wichtig ist das Erfassen älter Angstzustände, idealerweise solche, die auch körperliche Nebenwirkungen hatten, dafür kann man durchaus bis in die eigene Kindheit zurückspulen. Das kann helfen, Ängste zu vergleichen. Der bellende Hund am Schulweg kann die gleichen Angstbereiche anspielen wie der cholerische Vorgesetzte. Auch wenn man als Kind zitternd in die Arme seiner Mutter gerannt ist und als Erwachsener nach einer Zigarette greift, kann die selbe Angst dahinter stecken.

Mit dem Älterwerden lernt man unweigerlich auch das Vermeiden von Ängsten, man geht ihnen aus dem Weg. Man vermeidet zum Beispiel gesellschaftliche Events wegen vermeintliche Small-Talk-Schwäche und kann dabei trotzdem ein gewandter Redner vor grossen Publikum sein. Das Vermeiden ist eine wirksame Strategie, sie verdeckt aber Erkenntnisse bei akuten oder neu auftretenden Ängsten, man sollte sich somit bewusst sein, was man vermeidet. Ein guter Ansatz ist, wenn man sich seine körperlichen Reaktionen verinnerlicht, diese sind manchmal einfacher zu erfassen als der diffuse Angstgrund.

Körperliche Verfassung

Ist man krank, so ist man automatisch mehr in der Defensive und somit ängstlicher. Krankheit kann hier weit gefasst sein. Das kann ein einfacher Schnupfen sein. Man kann Krankheit als Nährboden oder Trigger betrachten. Diese Einzelbausteine können dumm zusammenfallen und als Ganzes eine starke körperliche Beeinträchtigung verursachen. Hier solch ein „Eintopf“:

  • Monatelang wenig Sport, wegen Stress oder warum auch immer.
  • Herbst mit wenig Sonnenschein, mehr Kälte, mehr Krankheitserreger.
  • Ein starker Schnupfen, aber man arbeitet weiter.
  • Mehrere Tage Durchfall, aber man arbeitet weiter.
  • Krämpfe, Schwindelanfälle, Bewusstlosigkeit

Der letzte Punkt oben klingt dramatisch, ist aber nur eine logische Folge aus dem Ablauf davor. Der Körper reagiert mit Stopp-Signalen. Krämpfe wegen Flüssigkeitsmangel, Schwindelanfälle wegen verschleppter Viruserkrankung (Schnupfen ist nicht harmlos), Bewusstlosigkeit wenn man meint der Schwindelanfall sei vorbei und man will einfach weitermachen.

Es kommt natürlich darauf an, wie man grundsätzlich beisammen ist. Bei schweren chronischen Beschwerden ist man wahrscheinlich vorsichtiger, aber eine Grippe kann da schnell ein guter Nährboden für spätere Ängste sein.

Körperliche Nebenwirkungen der Angst

Unmittelbare Reaktionen

Jeder kennt Zittern vor Angst. Der Körper reagiert recht direkt, das Hängt mit Hormonausschüttung und dem historischen Fluchtreflex zusammen. Adrenalin und Erwärmung der Muskeln helfen uns beim Fliehen vor einem Fressfeind.

Diffuse Ängste und ihre Nebenwirkungen

Wir haben aber oben gesehen, dass menschliche Ängste nicht immer so unmittelbar sein müssen. An uns nagen vor Allem die diffusen Ängste: Familie, Existenz, der eigene Tod etc. Hier ist spontanes Zittern zwecklos, der Körper reagiert aber trotzdem: mit schlechten Schlaf, kaputter Verdauung, sonst unbegründete Schmerzen oder Verspannungen irgendwo im Körper.

Es handelt sich um Allgemeinsymptome wie Müdigkeit und Erschöpfung. Schmerzsymptome stehen an vorderster Stelle, gefolgt von Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden, sexuellen und pseudoneurologischen Symptomen. Man schluckt eine Schlaftablette, ein Mittel gegen Sodbrennen, Schmerztabletten und Schlafmittel, bekämpft aber nur die körperlichen (Soma) Symptome einer Krankheit die keine ist. Man unterdrückt Angst (Psyche).

GAU

Das kann gut gehen, wenn man sonst bei guter Verfassung ist. Nimmt man aber als Ingredienzien zeitgleich einige der Bausteine weiter oben hinzu, so können daraus körperliche Beschwerden enstehen, die lebensbedrohliche Ausmasse annehmen. Kombiniert man eine virusbedingte Schwäche und Ohnmachtsanfälle mit angstbedingten Herz-Kreislauf-Beschwerden, so kann das ein furchterregendes Bild ergeben. Ohne Vorkenntnisse muss ein Hausarzt in solchen Fällen die unmittelbare Überweisung zur Abklärung hinsichtlich Herzmuskelentzündung und Herzinfarktgefahr einleiten! Wohl gemerkt: im Hintergrund geht es „nur“ um einen Schnupfen und zum Beispiel um den Ärger mit dem Chef!

Selbstverstärkende Angstnebenwirkungen

Die mittel- und langfristigen angstbedingten körperlichen Beschwerden stellen unter Umständen schwere Beeinträchtigungen des Alltags dar. Erschöpfung und Schmerzen hindern einem an der Arbeit und am Sport, das hat eine direkte Rückkoppelung mit der sonstigen gesundheitlichen Verfassung. Verdauungsprobleme schwächen generell. Viele andere Effekte haben auch eine soziale Komponente, man zieht sich zurück.

Es gibt aber auch noch höllischere Kreisläufe, das sind die angstbedingten Herz-Kreislauf-Beschwerden mit „Herzstechen“, Schweissausbrüchen, Beklemmung in der Brust, empfundene Atemprobleme, weil die Verspannungen in der Brust schmerzen. Allein die Angst vor einer lebensgefährlichen Herzerkrankung oder einem Herzinfarkt führt zu effektiven funktionellen Störungen des Herz-Kreislauf- und Atemsystems. Man nennt das Cardiophobie, es gibt auch analoge Phänomene an anderen Körperregionen. Ängste um das Herz herum eignen sich zum Entwickeln der Urangst schlechthin: der Todesangst.

Diffuse Ängste führen oft zu Muskelverspannungen im Bereich des Kopfes, des Halses, im Bereich der Schultern. Ein wesentlicher Punkt, dabei ist, dass es sich meist um einzelne und lokalisierbare (!) Schmerzpunkte handelt. Je nach der Lage der Punkte wird man ihnen eine unterschiedliche Relevanz zuweisen. Eine verspannte Zehe wird man massieren und darüber hinwegsehen. Sticht aber ein Muskel oder zieht eine Sehne in der linken Brusthälfte, so denkt man schneller als man will an Herzinfarkt. Man konzentriert sich auf diesen Punkt, versucht ihn zu lokalisieren, atmet dabei kürzer, beginnt zu schwitzen und wenn man nicht gleich Abkühlung bekommt, folgt ein kurzer warmer (!) Schweissausbruch. Anschliessend ist man total erschöpft und verspannter als zuvor. Solch ein Anfall macht bei jedem neuen Eintritt, Überraschung, zusätzliche Angst. Attacken, welche Herzerkrankungen ankündigen, schauen auf den ersten Blick nicht viel anders aus.

Gleich vorweg: Herzinfarkte erzeugen kalte Schweissausbrüche und verursachen einen diffusen, nicht lokalisierbaren und nicht anderwärtig beeinflussbaren Schmerz um das Brustbein herum. Spürt man Schmerzen im Bereich der Brustwarze, so liegt dieser schon weit links neben dem Herz. Wandert dieser Schmerz, kann erst recht nicht das Herz betroffen sein. Schmerzen in der Speiseröhre (Reflux) sind sehr oft schluckabhängig. Sind diese Anfälle steuerbar, das heisst, kann man sie am Anfang unterdrücken, indem man sich abkühlt, sich willentlich auf etwas anderes konzentriert und irgend etwas konkretes macht wie Aufräumen, so ist eher nicht das Herz betroffen.

Ärztliche Abklärung

Trotzdem ist eine medizinische Abklärung bei einem Internisten oder einem Kardiologen angeraten. Wie gesagt, die äusseren Symptome sind trügerisch. Eine eingehende Untersuchung umfasst Abhöhren von Herz und Lunge, Abtasten aller wichtigen Organe, Prüfen der Schwellung der Beine, grosses Elektrokardiogramm, Lungenröntgen, Herz-Echographie, Prüfung des Zwerchfells und der Speiseröhre, Bluttest mit herzspezifischen Kennwerten, Abfragen der Vorerkrankungen uns der familiären Situation. Dummerweise reden Fachärzte selten Klartext. Wenn aber während einer eingehenden Untersuchung und abschliessend beschienen wird, dass die Werte keine Anhaltspunkte auf ernsthafte Erkrankung liefern, keine Entzündungswerte vorliegen, der Blutdruck im Rahmen liegt, von einem nicht näher definierten „verschleppten Virus“ geredet wird, beruflichen oder familiären Stress angesprochen wird, Spazierengehen empfoheln wird, und/oder leichte Schlaftabeletten nahegelegt werden, so sollte man sich damit anfreunden, sich in einem nervlichen Erschöpfungszustand zu befinden. Egal wie sehr man meint, seine Ängste gut unterdrückt zu haben.

Ist man das erste mal mit solch einer Situation konfrontiert, wird man schwer im Moment der Befundbesprechung selber diese nervliche Hauptkomponente der Beschwerden ansprechen, besonders wenn man zum Beispiel mit der Rettung ins Spital eingeliefert wurde. Man hat auch einen Erklärungsbaustein in der Hand, wenn es einem nach solch einer Untersuchung plötzlich besser geht. Es kann aber Sinn machen, die Ärtze Tage später konkret auf „Angststörungen“ und deren „psychische Symptome“ ansprechen. Dann hat man vielleicht selber die Ruhe diese Diagnose zu akzeptieren. Oder man liest den hoffentlich ehrlichen Befund. Finden sich darin die Worte „autonome Dysfunktion/Funktionsstörung“, so hat man es schwarz auf weiss körperlich gesund aber psychisch angeschlagen zu sein.

Nach der medizinischen Abklärung

Kreuzspinne auf ihrem Netz

Diffuse Ängste erzeugen in uns psychische Reaktionsmuster. Diese lassen sich nicht einfach abschalten. Auch wenn man am Vortag klar erfasst hat, Angst zu haben, auch wenn man die Ursachen verortet hat, so bleibt das nur ein rationaler Zugang zur Ursache und zur Diagnose. Man kann trotzdem wieder einen Schweissausbruch mit „Herzstechen“ haben. Die Muster bleiben erhalten und müssen „verlernt“ werden. Das geht mit psychischer Entspannung, die einfachsten Mittel dafür sind Schlaf und Urlaub.

In Wahrheit muss man aber mit dem Bewusstsein zu seinen ursprünglichen Ängsten zurück, sie erkennen und sie einordnen: in nebensächliche, in vermeidbare, in vermeintlich unvermeidbare Angst. Vielleicht kann man dann Spinnen schön finden, vielleicht kann man dann Small-Talk für immer an den Nagel hängen, vielleicht besiegt man dann das Unvermeidbare durch einen Jobwechsel.


EKG-Kurven

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