Auslandsjahr: Gastfamilenwechsel

Thema: Auslandsjahr für Jugendliche.


Als Eltern hatten wir uns natürlich zuvor bei Bekannten schlau gemacht, welche Probleme es bei einem Schulaufenthalt im Ausland geben kann. Dass die Agenturen wie CEI Séjours Linguistiques eine falsche Schule und Klasse wählt, hörten wir nie, aber relativ oft kam vor, dass nach ein paar Wochen oder Monaten ein Familienwechsel anstand, es gibt dafür persönliche, praktische und vielerlei andere Gründe. In unserem Fall, und der wird nicht selten sein, liegt es an den falschen Vorstellungen der Gastfamilie. Leider ist das Kind dabei zwischen den Stühlen und leider hofft man auch zu lange dass es noch weiter klappt. Zuletzt spießt es sich an konkreten Hürden.

Falsche Vorstellung der Gastfamilie

Ich habe mich immer gefragt, was Familien dazu animiert, Gastkinder aufzunehmen, zumal sie Kost und Logis bieten müssen und sonst nichts dafür erhalten. Reiner Altruismus wird es selten sein. In unserem Fall war die erste Gastfamilie (September bis Oktober) vor allem davon ausgegangen, einen Kameraden für den eigenen jüngeren Sohn zu haben, nachdem die älteren Geschwister ausgezogen sind. Das wurde mir auch so kommuniziert und grundsätzlich ist gegen diese Idee nichts einzuwenden. Die Gastfamilie bekommt die Anmeldeformulare von vier Kindern vorgelegt, die ihnen die Agentur CEI Séjours Linguistiques vorausgewählt anbietet. Wir erfahren, dass darunter drei Mädchen und unser Sohn waren, er ist dabei der vom Alter her auch am nächsten an deren Sohn dran. Sie wählen ihn daher gezielt aus. Andere Gründe sind die Computer-Affinität und Deutsch.

Bloss passen die Rahmenbedingungen nicht. So ist deren Sohn ganze drei Jahre jünger. Ein 12-jähriger harmoniert nicht zwangsweise mit einem 15-jährigen. Die Chemie muss auch sonst nicht passen, besonders wenn die Gasteltern ihr eigenes Kind nicht dazu animieren. Die Gastmutter erhoffte sich zudem, dass unser Sohn ihren Sohn etwas vom Computer wegholt. Das hatte sie mir auch so kommuniziert. Das fand ich etwas gewagt, aber sie konnte es ja versuchen.

All das wäre ja noch theoretisch möglich gewesen, wenn nicht der Tagesablauf der Gasteltern wäre. Die Angaben auf deren Formular stimmten nämlich nicht. die Gastmutter arbeitet nicht mehr bei einer Versicherung, sondern abends und nachts in einem Café. Der Vater ist Tischler, aber auch oft auf Montage. Faktisch trifft sich die Familie nur Sonntag Mittag zum Essen. Die Kinder gehen in unterschiedlich entfernte Schulen und frühstücken morgend getrennt und alleine!

So verlassen, ist es relativ logisch, dass deren leiblicher Sohn viel Zeit beim Computerspielen verbringt. Und die Gastmutter hat sich gedacht, ein Austauschschüler holt ihn da weg und erzieht ihren Sohn. Unser Sohn ist dort nicht als Au-Pair sondern als Schulkind! Das sind zwei Paar Schuhe.

Konkrete Ärgernisse

Man könnte meinen, dass diese falsche Vorstellung, wenn sie sich nicht erfüllt, nicht unbedingt ein Problem darstellen muss. Es erzeugt jedoch Spannungen. Es ist leider ein Armutszeugnis der Agentur CEI Séjours Linguistiques, dies nicht selber annähernd zu erkennen, Gastfamilien sind auch nicht immer selbst-aufopfernde Samariter. In unserem Fall kommt verschärfend hinzu, dass unser Sohn das erste Gastkind der Familie ist. Da sollte die Agentur erst recht besonders vorsichtig sein.

Im September geht es noch gut, unser Sohn verbringt zwangsweise viel Zeit in der Ganztagsschule. Allerdings beginnt am Oktober die Studienzeit der älteren Schwester. Und in ihrem Zimmer ist unser Sohn untergebracht. Er muss nun jedes Wochenende, von Freitag Abend bis Sonntag Mittag, ins Zimmer des kleineren Bruder siedeln weil die Schwester am Wochenende zu Hause ist. Unser Sohn hat natürlich seinen Unmut darüber geäußert, die Familie hat ihm aber harsch geantwortet, dass dies mit der Agentur CEI ausmacht wäre.

Das stimmt nicht annähernd, denn meine Agentur fragt mich, nach dem ersten Siedelwochenende, ob ich einwillige, dass mein Sohn „ein Wochende beim kleineren Bruder schläft“. Es ging nie um ein Wochenende, sondern um alle bist zum Schuljahresende. Aber die Familie hatte angefragt. Bloß das Falsche halt. Wie schon an anderen Stellen dokumentiert: die Kommunikation mit den Agenturen ist gefährlich holprig.

Wir raten unseren Sohn eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen, denn ein Gastfamilenwechsel samt möglichen Schulwechsel ist höchst unlustig.

Agenturen-Funk

Als sich die Frage des Zimmerteilens für alle Wochenenden konkretisierte, hielt meine Agentur noch einmal Rücksprache mit mir als leiblichen Vater. Ich wiederholte was ich schon meinen Sohn sagte: dass ich es nicht optimal finde, dass ich nichts gegen ca. ein Mal pro Monat Zimmer wechseln hätte, aber jedes Mal definitiv zu viel sei. Ich hätte mit einer strikten Weigerung in diesem Fall den Familenwechsel erzwingen können. Das fand ich etwas kurios, dabei sind ja immer viele Aspekte zu berücksichtigen. Ich melde auch an, dass die Gastfamilie faktisch nichts mit unseren Sohn unternimmt. Ich biete an, dass das mit dem Zimmer vielleicht geht, wenn sich wenigstens die Betreuung sonst rundherum bessert. Es stehen zwei Wochen Herbstferien an und die Kinder hängen planlos alleine herum. Nicht, dass wir zu Hause mit unserem 15-Jährigen immer etwas unternehmen würden, aber zu Hause hat er all seine langjährigen Freunde und ist dank gutem Öffi-Netz voll mobil. Vor Ort in Frankreich ist beides nicht der Fall, nur die Internetanbindung passt.

Über irgendwelche mir nicht erklärlichen Kanäle, scheint diese Information zur Familie zu gelangen oder ist echt Zufall: jedenfalls entscheiden sie in den Herbstferien eine kurze Städtereise anzutreten. Und zwar nach Wien! Das ist schwer originell, da das Reglement der platzierenden Agentur CEI Reisen ins Heimatland und ins Ausland untersagt. Die Agentur vor Ort bewilligt es aber. Wir als Eltern willigen auch ein, die Reisekosten für unseren Sohn zu übernehmen. Soweit ist das alles formal in Ordnung.

Der Flug wird am Wochenende fix gebucht. Jedoch am Mittwoch drauf bekomme ich einen Anruf von unserer Agentur. Mir wird mitgeteilt, dass sich die Gastfamilie mit der Bitte, unseren Sohn einer anderen Familie zuzuweisen, an ihre Agentur CEI gewandt hat. Aufgrund der zahllosen Missverständnisse bis hierhin frage ich mehrmals nach, mir wird jedoch bestätigt, dass diese Entscheidung endgültig sei.

Haarsträubend ist die Argumentation: unser Sohn sei „nicht kommunikativ“ und „verschlossen“. Wie man das beurteilen kann, wenn man als Gastfamilie nie da ist, das Gastkind wie ein Haustier von einem Zimmer ins andere scheucht und sich auch sonst nicht viel kümmert? Irritierende Weise verwendet die Agentur CEI genau diesen Wortlaut als Grund für den Familienwechsel, denn sie schreiben weiter: „Sollte sich Ihr Sohn jedoch nicht mehr öffnen und kommunikativer auf seine neue Gastfamilie zugehen, könnten irgendwann die Familien in erreichbarer Distanz ausgehen“. Diese Opfer-Täter-Umkehr ist wahrlich verwerflich!

Die Gastfamilie hat also selber den Familienwechsel beantragt. Wahrscheinlich hätten wir es selber schon viel früher in die Hand nehmen müssen. Das konkrete Prozedere ist wie immer konfus: Die Gastfamilie wendet sich an ihre alleinige Ansprechpartnerin, das ist die Regionalbetreuerin, mit ebendieser definitiven Bitte. Diese übermittelt die Information an ihre Agentur CEI und macht sich hoffentlich schnell auf die Suche nach einer Gastfamilie. Das CEI wiederum schreibt meiner Agentur ein kurzes Email worauf ich aus Wien angerufen werde und die ganze Geschichte samt der bis dahin fehlenden Hintergrundinformation von hinten aufgerollt wird. Ungut dabei: ich als Vater möge meinen Sohn darüber in Kenntnis setzten, nicht aber mit der Gastfamilie oder dem CEI Kontakt aufnehmen. Die wirren Kommunikationsumwege werden also tunlichst aufrecht erhalten. Sie sind aber auch an all diesen Verzögerungen schuld, ohne diesen würde man schneller Klartext reden und das Kind würde nicht alleine im Ausland in der Luft hängen.

Mein Sohn weiss davon natürlich nichts, die Gastfamilie hat ihn über diese weitreichende Entscheidung nicht informiert. Die Agentur CEI Séjours Linguistiques verspricht im Laufe der anstehenden zweiwöchigen Herbstferien eine Ersatzfamilie aufzutreiben, kann aber nicht den Verbleib an der selben Schule versprechen. Letzteres betrachte ich als unzumutbar. Unser Sohn hat echt Ärger mit der ihm zugewiesenen Familie, nur in der Schule fühlt er sich wirklich wohl und es wird auch hier noch ein Wechsel angedacht! Wie man als Agentur für Auslandsaufenthalte den Vogel abschießen kann: CEI Séjours Linguistiques!

Suche nach einer zweiten Gastfamilie

So wirr die Kommunikationswege sind, so vielseitig sind auch die Quellen, so dass man dann doch informiert wird. Jedoch nie direkt und nie endgültig.

Die Regionalbetreuerin macht sich wirklich auf die Suche nach einer neuen Gastfamilie. Sie nennt eine, die eventuell in Frage kommen würde (Information an die Gasteltern, welche das meinen Sohn erzählen). Zwei Tage später erfahren wir, über den selben Weg, dass es bei dieser Familie doch nicht gehe.

Zudem will die Regionalbetreuerin über die Schule potentielle Gasteltern suchen. Französische Schulen haben alle ein Online-System, in dem die Direktion, die Schüler und die Eltern kommunizieren können. Die Schüler fragen dort im Wesentlichen ihren Stundenplanänderungen ab, die Eltern können die Noten einsehen. Die Direktion kann eine Nachricht an alle absetzen. Darin wird unsere Sohn mit Alter und Vornamen vorgestellt und recht direkt gebeten ihn unterzubringen:

Bildschirmansicht im Online-System des Lycées im Frankreich

Der Text ist aber auch vorsichtig, weil zuerst nur für die zwei Wochen Ferien angefragt wird, aber „sogar“ für das ganze restliche Schuljahr gesucht werden soll. Dahinter verbergen sich mehrere Informationen:

  • Die erste Gastfamilie hat es eilig, unseren Sohn loszuwerden und die Regionalbetreuerin nimmt einen zweifachen Wechsel in Kauf. Als ich das sah, habe ich mich gleich bei meiner Agentur gemeldet und gesagt, dass ich mit einem mehrmaligen herumsiedeln definitiv nicht einverstanden bin.
  • Anscheinend wird in der Schule recht freizügig mit Personeninformationen umgegangen. Die Nachricht ist auch für Schüler einsehbar und unser Sohn wird am Schulhof direkt angesprochen. Das mag gut für den Informationsfluss sein, aber der Schutz der Privatsphäre wird hier mit Füssen getreten.
  • Wie schon in Zusammenhang mit der falschen Klassenzuweisung vermutet, scheint die Schule schon länger mit der Agentur CEI zusammenzuarbeiten, sonst würde sie sich die Direktion nicht für solche Aktionen heranziehen lassen.

Zu diesem Aufruf gab es vier Tage später noch keine positiven Rückmeldungen. In der Zwischenzeit haben aber auch die Herbstferien begonnen.

Mit dem Beginn der Ferien verschlechtert sich aber die Situations unseres Sohns in der Gastfamilie. Die ältere Tochter ist die ganze erste Ferienwoche anwesend und unser Sohn wird auf die offene Galerie im ersten Stock verbannt. Dort ist zwar Platz, aber es ist luftig wie in einem Vogelhaus. Das entspricht absolut nicht den Bedingungen, welche die Agentur  CEI zur Unterbingung von Gastkindern voraussetzt. Das muss ein eigenes Zimmer oder ein geteiltes Zimmer sein, jedenfalls aber ein abschliessbares Zimmer.

Gegen Ende der ersten Woche der zweiwöchigen Herbstferien wird eine neue Gastfamilie gefunden. Der Informationsweg ist zum ersten Mal direkt, und zwar so, dass es auch wieder komisch ist: die Zentrale der Agentur CEI („Inbound Program Assistant“) schreibt direkt unseren Sohn per Email an, es umfasst das Datenblatt der neuen Familie. Sie entschuldigt sich, dass die Regionalbetreuerin sich nicht meldet, „weil unser Sohn kein französisches Handy“ hat. Das ist eine fadenscheinige Ausrede, die Regionalbetreuerin erscheint bei mir auf WhatsApp. Zudem ist es mehr als bedenklich, wenn die Regionalbetreuerin, die ja die einzige der Organisation ist, welche mit den Gastkindern in Berührung kommt, keine Telefonate ins Ausland tätigen kann. Was vermittelt CEI Séjours Linguistiques, Studienaufenthalte für ausländische Schüler und Studenten, oder?

Der Kontakt der neuen Gastfamilie kam über die Nachricht im Online-System der Schule zustande, die Regionalbetreuerin und das CEI scheinen keine anderen Möglichkeiten „im Ärmel“ gehabt zu haben. Der Sohn der Familie ist gleich alt wie unserer und geht in der selben Schule in die Parallelklasse. Zumindest haben sie den gleichen Schulweg und nehmen den selben Schulbus. Das heisst, sie nehmen ihr Petit Déjeuner zusammen, eine Verbesserung zur Situation bisher. Auch soll er ein eigenes Zimmer haben. Der Wechsel findet in der zweiten Ferienhälfte statt.


Road to nowhere?

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