Grosser Fragebogen der Auslandsjahr-Agentur

Thema: Auslandsjahr für Jugendliche.


Hat man eine heimische Agentur ausgewählt und deren Vorabfragen beantwortet, folgt bald ein wesentlich grösserer, dessen Fragen weitaus tiefschürfender sind. Es geht über 30 Seiten dahin, die meisten betreffen das Kind, aber auch die Eltern müssen Teile ausfüllen. Man kommt sich ein bisschen wie bei einem psychologisch strengen Verhör vor. Der Fragebogen ist bei unserem Zielland französisch gehalten. Ein Teil der Fragen ist englisch übersetzt, allerdings decken sich die Angaben in den beiden Sprachen nicht inhaltlich.

Hauptzweck des Bogens ist das Finden einer passenden Gastfamilie. Das ist naturgemäss kein linearer und rationalisierbarer Vorgang, trotzdem sind Fragen dabei, die man echt hinterfragen kann. Andererseits bespricht man so Themen mit seinem jugendlichen Kind, die man sonst vielleicht nicht ansprechen würde.

Der Fragebogen versagt natürlich bei Spezialfällen wie Muttersprachlichkeit ohne besuchtem Schulfach in der betroffenen Sprache. Nach Grunddaten zu Kind, Mutter, Vater und im Notfall weiterer Kontaktperson, fangen die inhaltlichen Fragen an. Ich versuche sie hier sinngemäss wiederzugeben.

In Klammer hinter den Titel jeweils wer diesen Teil ausfüllen sollte. Ganz klar kann ein Kind nicht alle Fragen ohne Hilfe beantworten. Ebenso wenig übrigens Lehrer oder Ärzte. Die Fragen sind frei zu beantworten, es stehen je ca. drei Zeilen dafür zur Verfügung. Angaben unter Anführungszeichen sind wörtlich übertragen.

Die Seiten gliedern sich in folgende Abschnitte:

  • Titelblatt mit Name und Verweildauer
  • Voranmeldung (die im Prinzip inhaltlich schon an die heimische Agentur erfolgt ist)
  • Persönliche Angaben, vom Schüler auszufüllen
  • Persönlichkeitsangaben, vom Schüler auszufüllen
  • Persönlicher Brief an die Gastfamilie, vom Schüler auszufüllen
  • Photoalbum, vom Schüler zu befüllen
  • Schuldossier, vom Sprachlehrer oder dem Schuldirektor auszufüllen
  • Medizinischer Bericht und Imfpliste, vom Hausarzt auszufüllen
  • Formular für die Eltern
  • Règlement mit vielen praxisuntauglichen Regeln
  • Fragebogen zum Interview (siehe oben).

Persönliche Angaben (Kind)

  • Umgebung (Ort, Landschaft) beschreiben.
  • Wohnhaus beschreiben.
  • Hobbies oder Interessen der Mutter.
  • Hobbies oder Interessen des Vaters.
  • Gemeinsame Familienaktivitäten.
  • Bevorzugte Schulfächer.
  • Mitgliedschaften in Vereinen.
  • Eigene Hobbies.
  • Ferialjobs und Freiwilligenarbeit bisher.
  • Reisen.
  • Ob man schon abseits der Familie gewohnt hat.
  • Ob man raucht und ggf. bereit ist draussen zu rauchen.
  • Ob man Alkohol trinkt und wie oft.
  • Einschränkungen bei Lebensmitteln (religiös, Allergie, etc.).
  • Lieblingsspeisen.
  • Haustiere.
  • Allergien.

Es folgt das Kapitel „Persönlichkeit“. Eine echte Herausforderung für einen 15-jährigen! Teilweise schlichtweg nicht beantwortbar. Man merkt gleich, dass Fragen redundant sind.

  • „Beschreiben Sie ihre Persönlichkeit!“
  • „Welche positiven Eigenschaften schätze ich an mir?“
  • „Welche Eigenschaften schätzen/verabscheuen Sie bei anderen?“
  • „Beschreiben Sie das Verhältnis zu ihrer Mutter!“
  • „Beschreiben Sie das Verhältnis zu ihrem Vater!“
  • „Beschreiben Sie das Verhältnis zu Ihren Geschwistern!“
  • „Was machen Sie am liebsten mit ihren Eltern?“
  • „Beschreiben sie Ihre/n beste/n Freund/in!“
  • „Was machen Sie am liebsten mit ihren Freunden?“
  • „Haben Sie eine/n Freund/in?“

Mittendrin folgt nun ein umrahmter Block, der von den allgemeinen Plätzen ins Eingemachte des Aufenthalts im Ausland geht. Die folgenden aneinandergeketteten Fragen sind regelrecht bedrohlich. Wie soll man das seriös beantworten?

  • „Haben Sie schon an das Problem der Trennung von Ihren Eltern, Ihrer Freundin, Ihres Freundes nachgedacht? Werden Sie sich einsam fühlen? Glauben Sie wird Ihnen Ihr Land fehlen? Was werden Sie machen wenn dies eintritt? Was wird Ihnen helfen, diese Probleme zu bewältigen?“

Danach wieder praktische Fragen, allerdings auch krasse Fangfragen. Und wiederum, wie soll das ein 15-jähriger beantworten?

  • „Welche Arbeiten übernehmen sie im Haushalt?“
  • „Welche Regeln müssen Sie beachten? Was passiert wenn Sie sie nicht befolgen?“
  • „Was machen Sie, wenn die Heimkehrzeiten von der Gastfamilie strikter sind als bei Ihnen zu Hause?“
  • „Ein Kind der Gastfamilie akzeptiert sie schwer. Wie werden Sie diese Situation handhaben?“
  • Wenn Sie in ein Dorf kommen, wo Sie ihren Hobbies nicht nachgehen können, was machen Sie dann?
  • „Werden Sie sich an eine Familie mit einem anderen kulturellem Niveau anpassen können?“ (Anmerkung: Was ist ein kulturelles Niveau?)
  • „Was werden Sie machen, wenn die Meinung über das Leben der Gastfamilie andere sind als Ihre eigenen?“
  • „Welche kulturellen Aspekte unterscheiden sich Ihrer Meinung nach zwischen Ihrem Heimatland und dem Zielland?“
  • „Glauben Sie, dass sich Ihr Verhalten, Ihre Denkweise, Ihre Werte im Laufe Ihres Auslandsaufenthalts ändern werden? Inwiefern?“
  • „Welche nationalen und internationalen Probleme interessieren Sie?“
  • „Welches Interesse kann kann eine Familie haben, einen ausländischen Schüler aufzunehmen?“
  • „Was hoffen Sie während Ihres Aufenthalts zu gewinnen (Persönlichkeit, Charakter, Unabhängigkeit)?“
  • „Welche schulischen oder beruflichen Zeile werden Sie bei Ihrer Rückkehr haben?“
  • „Erzählen Sie eine schwierige persönliche Situation. Warum war sie schwer und wie haben Sie sie gehandhabt? Wer hat Ihnen geholfen? Was haben Sie dabei gelernt?“ (Anmerkung: drei Zeilen zum Antworten…)

Wieder in in einem Kasten umrahmt, mit mehr Zeilen zum Antworten:

  • Haben wir etwas Wichtiges vergessen?

Freizeit (Kind)

Eine Tabelle mit zwar vielen Hobbies und Sportarten zum Ankreuzen, allerdings fehlen auch viele. Dieses Blatt ist komischerweise englisch gehalten. Darunter folgende Fragen, die weiter oben teilweise schon abgefragt wurden:

  • gespielte Musikinstrumente.
  • Mitgliedschaften in Vereinen.
  • die Aktivitäten hervorheben, die man besonders gerne macht und dies begründen.
  • Aktivitäten nennen, die man während des Auslandsaufenthalts weiterführen möchte.
  • Aktivitäten nennen, die man mit der Gastfamilie unternehmen will.

Bei den letzten drei Punkten nannte unser Sohn Schifahren an erster Stelle. Sein Zeilort liegt nun bei Nantes. Der nächste nennenswerte Schiort ist ganze 800km entfernt. Diese Wünsche werden anscheinend nicht ansatzweise gewürdigt.

Motivationsbrief (Kind)

Mindestens 300 Wörter, die Anrede steht bereits „Liebe Gastfamilie“ dort, der Rest ist frei. Ein harter Knochen, weil man ja gar nichts von der Zielfamilie weiss und man zuvor schon alle möglichen halb durchsichtigen Fragen beantwortet hat. Es wird betont, dass dieses Schreiben ein zentraler Bestandteil der Bewerbung ist.

Photoalbum (Kind)

Freie Seiten zum Einkleben von Bildern. Wir tauschten die Seiten gegen Ausdrucke auf A4. Es ist durchaus ähnlich schwer wie der Text, denn das Bildmaterial soll ja aktuell sein. Bei uns sind es vor allem Reisebilder, aber das scheint bei der Auswahl der Gastfamilie kein Kriterum gewesen zu sein.

Schulabschnitt (Schuldirektor oder Sprachlehrer)

Hier müssen wir passen, der Schuldirektor ist neu und kann nichts zu unserem Sohn sagen, ausserdem ist die Schule für solche Detailfragen zu gross (wie oft). Der Sprachlehrer der Sprache des Ziellandes scheidet ebenso aus, weil unser Sohn die Sprache fliessend spricht, aber nicht unterrichtet bekommt. Das ist übrigens einer der Hauptgründe ihn ein Jahr nach Frankreich zu schicken. Zeitgleich ist das ein Problem, denn wir mussten bei der Anmeldung bei der Agentur vorab Sprachtests machen und auch hier müssen wir zuerst die Bestätigung holen, dass der Klassenlehrer diesen Bereich des Fragebogens ausfüllen darf. Viel Bürokratie jedenfalls.

Nach Adresse der Schule folgt eine Tabelle, wo Noten der letzten Jahre auszufüllen wären. Wir reichen einfach Kopien der Zeugnisse hinzu. Die weiteren Fragen richten sich direkt an den Lehrer, bei uns ist der Klassenlehrer Englischlehrer. Die Art der Fragen ist ähnlich zu den vorigen. Da hier ein Lehrer urteilt und dieser kaum negativ schreiben wird, ist das Ganze eine ziemlich sinnlose Übung.

  • „Beschreiben Sie das Verhalten des Schülers in der Schule, seine Persönlichkeit sowie sein Verhalten gegenüber seinen Klassenkameraden.“
  • „Hat der Schüler ein positives Verhalten in der Schulstunde und versucht er mit anderen Schülern der Schule zu kommunizieren?“
  • „Meinen Sie, dass der Schüler reif genug ist, um die verschiedenen Probleme, die er antreffen wird, bewältigen zu können?“
  • „Seit wann wird der Schüler in der Sprache des Ziellands unterrichtet?“

Es folgt eine Auswahlliste wo der Lehrer die schriftlichen und mündlichen Stärken und Schwächen anführen muss. Abschliessend muss der Lehrer in einem dick umrahmten Bereich tatsächlich die Empfehlung aussprechen oder verneinen. Der Lehrer hätte somit theoretisch ein Vetorecht.

Diesen unteren Bereich ersetzen wir durch ein angehängtes Schreiben, wo der Lehrer erklärt, dass alles passt (wie eigentlich schon oben bestätigt).

Medizinischer Abschnitt (Hausarzt/Eltern)

Der Hausarzt muss wie der Lehrer seinen Senf zu der Sache geben. Grundsätzlich sind einige der Fragen in dem Bereich durchaus berechtigt, allerdings ergibt die Art und Weise des Fragebogens keinen bindenden Rahmen. Es erfordert vom Arzt jedoch Zeit zum Ausfüllen und normalerweise ist dies kostenpflichtig. Der Fragebogen ist zweisprachig französisch und englisch.

Der erste Bereich umfasst Grösse, Puls, Blutdruck, Augenprobleme. Darunter folgt eine Liste mit Krankheiten die man haben kann/könnte. Die Auswahl reicht von Diabetes bis Scharlach, ist also ein Mischmasch aus ernsten chronischen Leiden und Kinderkrankheiten.

Allergien ist wenig Platz auf drei kleinen Zeilen gelassen. Eigentlich ein wesentlicher Punkt, der mehr beachtet werden solle.

Darunter wieder eine Liste mit Krankheiten die von Malformationen bis Depression geht. Sämtliche der Auswahlmöglichkeiten hier würde eines mehrseitigen Befund bedürfen. Die medizinische Aussage des Fragebogens ist also zweifelhaft.

Weiter unten sehr suggestive Fragen:

  • Aktuelle Behandlungen
  • „War der Schüler im Spital?“ 
  • „Kennen sie Informationen, die einen Auslandsaufenthalt des Kindes unterbinden würden?“

Und ein paar Fakten:

  • Seit wann ist das Kind ihr Patient?
  • Sportliche Auschlussgründe

Impf- und Krankheitsliste (Arzt/Eltern)

Im Verweis auf die Liste steht, dass ein französische Schule die Aufnahme des Kindes verweigern kann, wenn nicht alle vorgeschriebenen Impfungen erfolgt sind. Allerdings entspricht die Liste nicht den üblichen Impfungen in Frankreich und besonders fragen Schulen höchstens nach wenn Kinder aus Dritte-Welt-Ländern nach Frankreich kommen (Diese Information habe ich von einem Bekannten, der in Südfrankreich ein Collège verwaltet).

Hier jedenfalls die Liste, sie umfasst auch einige Fälle, die in Österreich nicht mehr geimpft werden.

  • Rougeole – maesles – Masern
  • Oreillons – mumps – Mumps
  • Polio – polio – Kinderlähmung
  • Variole – smallpox – Pocken
  • Diphtérie – diphteria – Diphtherie
  • Tétanos – tetanus – Tetanus
  • Typhoïde  – typhoid – Typhus
  • Rubéole – rubella – Röteln
  • Hépatite B – hepatitis – Hépatits B
  • Autres – others – andere

Medizinische Bewilligung (Eltern)

Unabhängig vom Règlement, befindet sich im medizinischen Teil des Fragebogens ein zu unterschreibender Abschnitt, der für die Eltern bestimmt ist. Zitat: „Die leiblichen Eltern gestatten die Agentur im Ausland und die Gastfamilie im Falle von:

  1. medizinischen Notfall,
  2. Krankenhauseinweisung,
  3. chirurgischen Eingriff,

alle nötigen medizinischen Schritte einzuleiten und alle Entscheidungen im Krankheitsfall oder bei Unfällen während des Auslandsaufenthalts zu treffen.“

Dieser Punkt ist wiederum hochgradig bedenklich, denn er stellt faktisch ein Nichtbeachten der eigenen elterlichen Aufsichtspflicht („défaut de surveillance et de protection du mineur“) dar. Im Notfall zu agieren ist völlig normal, jedoch können nicht alle Entscheidungen getroffen werden, wo eine Rückfrage bei den leiblichen Eltern zeitlich möglichen wäre. Ein einfaches Beispiel: die viel diskutierte Grippeimpfung.

Elterninformation (Eltern)

Ja, die dürfen auch etwas sagen. Wobei sie natürlich in allen anderen Bereichen mitgeredet haben. Letztendlich haben doch auch oft die Eltern das Auslandsjahr für das Kind entschieden.

  • „Muss ihr Kind zu einer fixen Zeit abends zu Hause sein, wenn ja wann?“
  • „Beschreiben sie die Regeln, die Ihr Kind zu Haus befolgen muss.“
  • „Gab es einen Todesfall, eine Scheidung oder ein anderes wichtiges Ereignis in Ihrer Familie? Welche Änderungen hat dies bei Ihrem Kind verursacht?“
  • „Welches Problem ist Ihrem Kind widerfahren, das aktuell noch immer Auswirkungen hat? Wie kann die Gastfamilie helfen?“

Wie  schon im medizinischen Fragebogen wird auch hier oft nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterschieden. Abgesehen davon füllt man den Fragebogen rund acht Monate vor der Abfahrt in Zielland aus, bis dahin kann sich noch viel ändern.

Weiter mit Subjektivfragen:

  • „Was lässt sie auf ihr Kind stolz sein?“
  • „Warum wollen Sie, dass ihr Kind einen Aufenthalt im Ausland macht?“ Die Frage ist in diesem Blogbetrag langatmig beantwortet: Warum ein Auslandsjahr ?
  • Wie viel Zeit verbringt Ihr Kind abseits von Schule und Schlafen mit: alleine sein, mit der Familie sein, mit Freunden, anders (Prozentangaben)?
  • Angaben zur Persönlichkeit des Kindes. (Anmerkung: tolle Frage, nur 2,5 Zeilen zum Antworten…)
  • Sein Verhältnis zur Familie und zu Freunden.
  • Persönliche Gewohnheiten.
  • Arbeitsgewohnheiten.
  • Fernziel der Ausbildung.
  • „Maturitätsgrad“. (Anmerkung: wie soll man das bewerten?)
  • „Umgang mit Niederlagen?“

Darunter ein Kasten mit „weiteren wichtigen Themen“. Aber nur 3,5 Zeilen. Das wird schnell knapp!


No Comments

Leave a Comment