Auslandsjahr: die konkrete Abreise

Thema: Auslandsjahr für Jugendliche.


Der Tag der Abreise ist für alle Beteiligten sehr persönlich. Er ist die Fortsetzung der Woche vor der Abreise und das Ziel aller langwierigen Vorbereitungen. Der Tag ist allerdings kein wirklich entscheidender, es ist mehr ein sentimentaler Formalakt. Die realen Knackpunkte folgen danach: Ankunft bei der Familie, Haus und Umgebung kennenlernen, erster Tag in der Schule, erster Ärger mit Lehrer oder Mitschülern.

Auch für sachlich veranlagte Eltern gibt es Trennungsschmerz, den man idealerweise nicht vor dem Kind austrägt: am Flughafen muss das Kind genau in diesem Moment durch die Sicherheitschecks am Terminal. Das ist immer ein langes Anstellen und dort dann ein Durcheinander wenn man Handgepäck zerlegen und vieles andere ablegen muss. Als Eltern kann man sich die Tränen für kurz danach aufheben. Das Kind wohl auch.

Es ist sehr schwer, sich in die Gemütslage seines eigenen Kindes hineinzuversetzen. Einerseits gibt es Praktisches zu Erledigen (Einchecken etc.), anderseits Neugierde und Langeweile. Über Facebook und Whatsapp kann man mitbekommen was am Gate passiert, aber man ist einfach nicht mehr Angesicht zu Angesicht. Und das für die folgenden zehn Monate! Normalerweise hat man bis dahin sein Kind nie für eine so lange Zeit verabschiedet.

Als Eltern ist man einerseits erleichtert, weil das ganze Aneldeprozedere doch mühsam war und vor allem aber weil ein lang gehegter Wunsch für sein Kind in Erfüllung geht. Andererseits ist einem zum Heulen, weil man definitiv ein Kind verabschiedet. Es ist nicht vergleichbar mit dem Auszug eines Erwachsenen aus der Elternwohnung. Schlagend sind auch die vielen Unbekannten und potentiellen Gefahren, die einem als Eltern im Kopf herumschwirren.

Es geht aber auch tiefer in die eigene Psyche: es handelt sich um einen krassen Kontrollverlust. Alles was man seinem Kind mit dem Auslandsjahr gönnen will (Erfahrung, Eigenständigkeit, Neues sehen, selber entscheiden usw.) tritt mit einem Schlag ein und es handelt sich gleichzeitig um das Abfallen vieler selbstauferlegte „Elternjobs“. Dieser Verlust führt einem gut vor Augen, welche Kontrollmechanismen Eltern ihren Kinder auferlegen und auf welchen unbewussten Ebenen sich dies abspielt. Tatsächlich ist es gut wenn diese in das Bewusstsein überführt werden, nur so kann man auch wirklich loslassen.

Man muss aber auch den Umkehrschluss bedenken: die satte Mehrheit aller Eltern, die ihr Kind nicht ein Jahr ins Ausland schicken, leben weiter mit den unbewussten Kontrollen über ihr Kind, das schon ein Jugendlicher ist. Das kann definitiv nicht besser sein.


Bahnsteig am Bahnhof München Ost

Bahnsteig am Bahnhof München Ost

A318 von Air France im Regen

A318 von Air France im Regen

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