Obstbäume schneiden und der Mond

Fachlicher Schnitt und Vegetationsperiode

Die meisten gängigen Obstbäume sind dahingegend gezüchtet, dass sie jährlich neue Triebe produzieren. 90% davon sind nicht brauchbar, aber ein kleiner Teil bildet zukünftige Fruchtäste, welche in den Folgejahren einen guten Ertrag sichern. Man steuert durch den Winterschnitt das Wachstum hin zu einer ausgeglichenen und durch Sonnenlicht durchfluteten Baumform. Dabei schneidet man unter Umständen grosse Teile weg und leitet zu lange Ruten auf kleinere Verzweigungen ab. Daraus ergeben sich je nach Baumgrösse mehrere Hundert verschieden grosse Schnittflächen, die vor allem ein neues Wachstum anregen. Wenn es um die Korrektur einer Baumform geht, wird man durch das Wachstum neue Hauptäste anregen, anderenfalls zielt man auf neues Fruchtholz und eine bessere Obstqualität ab.

Man schneidet im Winter, also in der Vegetationspause. Es muss zwingend ein trockener Tag ohne Regen- und Schneefall sein. Durch die Feuchtigkeit trocknen die Schnittwunden nicht schnell genug ab, die Zellen verschliessen sich dort nicht und diese Wunden werden zum Einfallstor für Viren, Bakterien und Pilzsporen. Auch am Boden liegender Schnee ist bei grossen Bäumen ungünstig, weil man über die Leiter und durch Klettern im Baum Schnee und Erde in den Baum trägt. Zudem ist Feuchtigkeit und Schnee auch für den Baumschneider gefährlich. Im Winter schneidet man auch aus historischen Gründen: die Bauern hatten damals nur zu dieser Saison Zeit dafür.

Zusammengefasst: man schneidet in der Regel in den Monaten ein paar Wochen nach vollständigem Laubfall und bis in die Blüte hinein und das nur bei Schönwetter. Man schneidet jedenfalls irgendwann vor dem Beginn der Wachstumsperiode.

Der Start der Vegetationsperiode hängt von der durchschnittlichen Tagestemperatur und der Sonnenscheindauer ab. Man sieht das gut an vergleichbaren Bäumen am selben Standort, die aber unterschiedliche Sonnenausrichtungen haben. Die Vegetationsperiode beginnt streng genommen mit dem ersten Regen der Knospen und mit dem Blühen. Der massive Wasserhaushalt der Photosynthese startet allerdings erst bei ausgerollten Blättern. Das Schwellen der Knospen und das Blühen bestreitet der Baum zu einem nicht unwesentlichen Teil aus den im Stamm gespeicherten Reserven. Man sieht das bei grossen im Winter abgebrochenen Ästen, daran Schwellen auch Knospen und manchmal bilden sich auch noch kleine Blüten.

Der Beginn der Vegetationsperiode hängt vom Sonnenstand und vom Wetter ab, mit dem Kimawandel verschiebt sich dieser Zeitpunkt auch.

Das heisst, wir schneiden an einem Tag A und der Baum hat Wachtumsschübe ab einem Tag A+B=C. Tag A und Tag C hängen voll vom Wetter ab. Die Zeit zwischen Schnitt und Wachstumsbeginn (B) ist ebenso unbekannt und unter Umständen mehrere Monate lang. Ebenso dauert die gesamte Wachstumsperiode (D) einige Monate bis in den Sommer hinein.

Wachstum und Mondphasen ?

Der Mond hat unleugbare Einflüsse auf die Erde und dort vor allem auf Flüssigkeiten. Man sieht das eindrücklich an Ebbe und Flut. Dieser Effekt spielt sich im kleinen Rahmen auch in Seen, Wasserlacken und letztendlich in Zellen ab, so auch in den “Leitungsbahnen” der Baume zwischen Wurzel und Blatt. Man kann also annehmen, dass bei hoch stehendem Mond der Wasserfluss im Baum (der gegen die Schwerkraft arbeiten muss) erleichtert wird. Dieser periodische Effekt dauert knapp 12 Stunden, lässt 12 Stunden nach und beginnt wieder von vorne (anomalistischer Mondrhythmus, Bahnperioden). Die Sichtbarkeit des Monds (Neumond bis Vollmond) ist unabhängig vom Effekt der Anziehungskraft des Monds. Dieser Zyklus (synodischer Mondrhythmus) dauert im Mittel 29,5 Tage.

Legen wir nun diese knapp 12 Sunden und diese knapp 30 Tag auf unser Tage A und C und die Perioden B und D um.

  • Die Dauer (B) zwischen Schnitt (A) und Wachstumsbeginn (C) zählt nicht, der Baum befindet sich in der Ruheperiode. Es trocknen bloss die Schnittwunden. Somit ist auch der Schnittzeitpunkt (A) irrelevant.
  • Der Wachstumsbeginn (C) ist mehrphastig (Schwellen der Knospen, Blühen, Ausrollen der Blätter, Triebwachstum, Phasen der Fruchtausbildung, etc.). Diese Phasen und deren Beginn steuert der Baum völlig unabhängig von unseren Zutun, sie können mit einer Mondphase zusammenfallen, müssen aber nicht. Die kurzen Ereignisse (Blüte, Ausrollen der Blätter) dauern länger als 12 Stunden und langen (Triebwachstum, Obstausbau) dauern alle länger als eine volle Mondphase von 30 Tagen. Die gesamte Wachstumsperiode erstreckt sich über mindestens fünf volle Monate.

Da wir nicht vorhersehen können wann ein Baum seine Wachtumsschübe hat, können wir mit dem Schnitt im Winter auch diesbezüglich nichts steuern. Unsere Eingriffe sind massiv und viel gewichtiger als die leichten Schwankungen der Erdanziehungskraft durch den Mond.

Ursprung “Mondholz”

Die Idee, den Obstbaumschnitt mit dem Mond in Verbindung zu bringen hängt vermutlich mit dem so genannten “Mondholz” zusammen. Es hält sich im Süddeutschen Raum und in Österreich der Glaube, dass Holz, welches die unter Berücksichtigung des forstwirtschaftlichen Mondkalenders gefällt wurde, haltbarer ist. Dieser Mondkalender ist ein astrologisches, also nicht wissenschaftliches Hilfswerk aus dem späten Mittelalter. Wir bewegen und also auf sehr schwammigen und nicht fundiertem Terrain. Es ist schon klar, dass man Holz, welches man besonders sorgsam züchtet, fällt, transportiert und lagert bessere Eigenschaften als eine 08/15-Fichte aus Litauen hat. Es ist aber so wie mit dem sorgsamen Umgang mit Obstäumen: die Pflege macht es aus, nicht der Mond.

Mag “Mondholz” historisch begründet sein, es bleibt ein Irrglaube. Noch wirrer ist allerdings die Ableitung auf Obstbäume. Bei diesen geht es ja um Erziehungsmassnahmen zur Ertragssteigerung und nicht um das Fällen zur Holznutzung.

Der Autor dieses Artikels ist ausgebildeter Baumwart des Verbands der Tiroler Obst- & Gartenbauvereine und verfügt über eine mehrjährige Praxis in der Pflege von alten Obstbäumen in Privatgärten und in gewerblichen Anlagen.


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